Das Fenster

Er konnte nicht behaupten, dass er sie nicht mehr mochte. Wie ihm seine bequemen Pantoffeln oder seine – zwar abgeschlagene, aber vertraute – Kaffeetasse lieb waren, so vermittelte ihm Marlenes Zugegensein durchaus ein behagliches Gefühl.
Ihm fehlte lediglich die Verlockung des Neuen. Er hatte jeden Quadratzentimeter ihres Körpers erforscht, konnte anhand von Form und Grösse den Standort jedes Leberflecks auf Marlenes sämig gewordener Haut bestimmen. Nur sehr selten offenbarte sich ihm eine unberührte Insel in Gestalt eines entzündeten Pickels, der wie ein Atoll an irgendeiner Stelle ihres Körpers aufgetaucht war, aber ebenso unerwartet wieder verschwand. Es lag nicht an den paar Pfunden, die sie in den letzten Jahren zugelegt hatte – auch an ihm war die Zeit nicht spurlos vorbeigegangen. Die Zweisamkeit mit Marlene, die schon achtzehn Jahre andauerte, hatte einfach ihren Reiz verloren.
Benedikt wusste im voraus wie sie einem Ereignis oder einer Äusserung von ihm begegnen würde. Und wenn die Bestätigung seiner Vorahnung unmittelbar folgte, bereitete ihm dies keinerlei Genugtuung mehr.
Marlene lag wie eine satte Robbe auf dem Sofa und folgte gefangen der Handlung des Spielfilms, den er schon einige Male gesehen hatte. Gleich würde sie zu heulen anfangen, wenn die junge Frau erfahren würde, dass ihr Mann sie verlassen hatte. Wie auf sein Zeichen füllten sich Marlenes Augen mit Tränen. Hatte er es nicht vorausgesagt?
Seine Gedanken glitten zurück zu der Frau am Fenster, die er seit drei Wochen beobachtete. Sie war ihm früher nie aufgefallen, obwohl er die Strecke seit fünfzehn Jahren befuhr. Gewöhnlich befasste er sich mit seiner Zeitung, ohne seine Umgebung wahrzunehmen. Einzig johlende Kinder, die ihn bei seiner Lektüre störten, ärgerten ihn. Er lächelte. Genaugenommen verdankte er es einer dieser Rotznasen, dass er auf die Frau mit den roten Haaren aufmerksam geworden war. Hätte dieser Balg nicht lauthals über seine Französischlehrerin geschimpft, so hätte Benedikt nicht entnervt die Zeitung zusammengefaltet und nach draussen geblickt, kurz bevor der Zug in den Bahnhof einfuhr.
«Warum schmunzelst du?» fragte Marlene. «Der Film ist doch zum Heulen!»
«Lächerlicher Firlefanz», knurrte Benedikt und befasste sich wieder mit der Frau mit den roten Haaren. Ihr Fenster lag auf gleicher Höhe mit dem Eisenbahnwaggon und war – so schätzte er – etwa zehn Meter vom Geleise entfernt. Es war ihm vorgekommen, als ob er die Frau ein Leben lang betrachtet hätte, obschon die Vorbeifahrt nicht länger als drei Sekunden gedauert haben mochte. Seit jenem Abend hielt er täglich nach ihr Ausschau. Morgens, wenn sich der Zug zögernd aus der Höhlung des Bahnhofs wagte, hing Benedikt an der mit Fliegenkot beschmutzten Scheibe und beobachtete wie die rothaarige Frau mit beherzten Pinselstrichen eine Leinwand bearbeitete, die er von seinem Platz aus allerdings nicht sehen konnte. Auf der Heimfahrt freute er sich mit ihr, wenn sie – das Kinn in die rechte Hand gestützt, die Augen leicht zusammengekniffen – am Fenster stand und lächelnd die für ihn unsichtbare Leinwand begutachtete.
Im Lauf der Tage waren ihm etliche Eigenheiten an der Frau aufgefallen: So trug sie das Haar morgens zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden, während es sich abends aus seinem Knoten gelöst hatte und ihre Schultern wie glühende Lava umspülte. Der schneeweisse Arbeitskittel, der sich am Vormittag von ihrem Haar abhob, war abends befleckt, wie die Schürze eines Fleischers. Zudem hielt ihm die Frau stets ihr Profil zugewandt. Ihre Nase wies einen sanften Buckel auf – etwa einen Fingerbreit unter der Wurzel, den er erst am siebten Tag entdeckt hatte. Die Farbe ihrer Augen konnte er lediglich erahnen; er vermutete, dass sie grün waren. Ihre Lippen waren voll und leuchteten blutrot.
So sehr es ihn drängte, diesen Mund zu berühren, ihn zu kosen, ihn zu küssen, so wünschte er sich noch mehr als alles in der Welt, einen Blick auf das Gemälde zu werfen, mit dem sich die Frau seit Wochen beschäftigte. Alle Verrenkungen hatten bislang nicht geholfen; und als er am dreizehnten Tag seine Zurückhaltung vollends abgelegt hatte, er das Waggonfenster öffnete und sich weit nach draussen lehnte, hatte dieses Unterfangen nichts gebracht, ausser dem missbilligenden Blick eines Mitreisenden.
An einem Porträt mochte sie nicht arbeiten, denn bis zum heutigen Tage hatte er abgesehen von der Frau noch keinen anderen Menschen hinter dem Fenster wahrgenommen. Malte sie Landschaften aus ihren Erinnerungen oder bannte sie ein Stilleben auf die Leinwand? Seine Mutmassungen halfen nichts: Er musste das Bild sehen.
Er schaltete das Fernsehgerät aus und ging ins Schlafzimmer, ohne Marlene zu wecken, die auf dem Sofa eingenickt war und mit offenem Mund leise schnarchte.
Am nächsten Morgen stand er zeitig auf und war eine halbe Stunde zu früh am Bahnhof. Er durchschritt das Gebäude, verliess es auf der anderen Seite und stieg die Treppe hoch. Von der Überführung aus hatte er einen fabelhaften Ausblick. Zu seiner Enttäuschung war das Fenster jedoch hinter grünen Läden verborgen. Er bog in eine kleine Seitenstrasse ein und erreichte die Vorderseite des Hauses. Auch hier waren die Läden verschlossen. Er stieg die drei Stufen bis zur Tür hoch. Auf dem Namensschild neben dem Klingelknopf standen in verschnörkelter Schrift die Initialen V.G.
Und jetzt? Die Klingel zu drücken traute er sich nicht. So marschierte er zum Bahnhof zurück und erwischte gerade noch seinen Zug. Als sich der Waggon ruckend in Bewegung setzte, wischte Benedikt ein Guckloch von der beschlagenen Scheibe. Die Fensterläden standen nun offen, und es bot sich ihm die vertraute Szenerie: Die Frau mit dem roten Pferdeschwanz stand am Fenster, hielt ihm ihr Profil zugewandt und bearbeitete mit einem Pinsel die Leinwand, die er nicht sehen konnte.
Viktoria – Vanessa – Valerie. Zum rhythmischen Galopp über die Schwellen, erdachte er sich Namen, die zu dem V der Initialen passen mochten.
Veronika – Violetta – Valentine. Auch auf dem Nachhauseweg bot sich ihm das wohlbekannte Bild: Die Frau betrachtete lächelnd ihr Werk, das er nicht sehen konnte, hielt ihr Kinn in der rechten Hand gestützt; ihr Haar umwogte ihre Schulter, unter der sich der verschmierte Arbeitskittel abzeichnete.
Nachdem der Zug kreischend zum Stillstand gekommen war, erklomm Benedikt gleich die Treppe und erreichte ausser Atem die Überführung. Die Fensterläden waren verriegelt. Misslaunig ging er nach Hause. Nicht einmal die Rippchen mit Dörrbohnen, sein Leibgericht, das Marlene für ihn zubereitet hatte, vermochte seine finstere Laune zu vertreiben.
Ohne Marlene etwas davon zu sagen, nahm er sich frei und verliess am Morgen zur gewohnten Zeit das Haus. Auf der Überführung pfiff ihm eisiger Wind entgegen. Er stellte seine Aktentasche auf den Boden, damit er den Kragen seines Mantels hochschlagen konnte. Auch als der Zug, den er gewöhnlich nahm, unter ihm vorbeidonnerte, öffneten sich die Läden nicht. Frierend ging er auf und ab, verliess seinen Platz nur kurz, um sich in der Bahnhofshalle Würstchen mit Senf und Mineralwasser zu holen. Erst nachdem der Zug in den Bahnhof eingefahren war, den er für seine Heimfahrt zu benutzen pflegte, gab er seine Stellung auf und eilte schlotternd nach Hause. Das heisse Eukalyptusbad, das ihm Marlene einliess, half nichts, und er fror trotz der Wärmflasche, die ihm Marlene unter die Decke steckte.
Am anderen Morgen schlug er Marlenes Flehen, er solle ums Himmels Willen im Bett bleiben, in den Wind. Obschon er sich erbärmlich fühlte, kleidete er sich an und verliess das Haus. Das Thermometer war weiter gefallen, der Wind schnitt ihm frostiger ins Gesicht als am Vortag. Anstatt den Zug zu nehmen, wählte er den Weg zur Überführung. Er holte sich am Nachmittag abermals Würstchen mit Senf, brachte jedoch kaum einen Bissen herunter. Völlig durchfroren und geschwächt kam er nach Hause, wo ihn bereits ein heisses Bad erwartete. Sein Zustand verschlechterte sich trotz des Bades und der Wärmflasche, so dass er sich zu kraftlos fühlte, um zu widersprechen, als Marlene den Arzt rief.
Obschon ihm der Arzt wegen der Lungenentzündung strikte Bettruhe verschrieben hatte, quälte sich Benedikt am Morgen aus den Leintüchern. Auch Marlenes Tränen hinderten ihn nicht daran, sich den Mantel überzuwerfen und sich auf den Weg zum Bahnhof zu machen. Hustend schleppte er sich die Treppe hoch, setzte sich auf den Boden und lehnte den Kopf an das eisige Geländer der Überführung. Am Mittag hatte er nicht die Kraft, seinen Platz zu verlassen, um zur Wurstbude zu gehen.
Dann wurde es um ihn schwarz. Er spürte, wie er auf eine Bahre gehoben wurde, ohne dass es ihm richtig zu Bewusstsein kam.
Als er die Augen öffnete, sah er wie Marlene sich über ihn beugte. Ihre blutvollen Lippen waren leicht geöffnet. Erst jetzt fiel ihm auf, wie hübsch ihr Gesicht im Profil aussah. Ihre Augen füllten sich mit Tränen, als sie sagte: «Du hast es so gewollt.»
Bevor es um ihn herum Nacht wurde, wunderte er sich noch, dass ihm dieser sanfte Buckel, einen Fingerbreit unter Marlenes Nasenwurzel, vorher nie aufgefallen war.

Ein Gedanke zu „Das Fenster“

  1. Deine Geschichte hat etwas schwermütiges gut in Szene gesetzt
    Kaum zu glauben,dass sein „Ich“
    so viele Zwefel plagen.Deine Schreibweise bringen den Schmerz und die Trauer fühlbar rüber!Die Sprache gefällt mir,alles in allem eine einfühlsamme Geschichte*

    Grüesse von Spatz

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