Hanna und Elena

Jedesmal, wenn ich das Tosen eines Wildbachs höre, dessen unbändiger Drang, ihn den kürzesten Weg aus beklemmender Enge finden lässt, sich selbst durch härteste Gesteinsschichten hindurch fressend, erinnere ich mich an jene Begebenheit, die mich in entscheidendem Mass geprägt hat und mir einen flüchtigen, aber umso erhellenderen Blick in den grossen Plan gewährte, der unserem Dasein zu Grunde liegt.
An jenem Tag unternahmen wir unsere Abschlussreise, die einen Strich unter die Schulzeit zog und uns unwiederbringlich hinaus in die Welt der Erwachsenen spülte. Unser Weg schlängelte sich in sanften Serpentinen – dem Lauf eines Bergbachs folgend – hinauf, vorbei an mächtigen Findlingen und an schief in den Himmel ragenden Arven. Munter schwatzend und herumalbernd, wie es Jugendliche in diesem Alter tun, zogen wir bergan. Bloss Hanna und Elena beteiligten sich nicht an der ausgelassenen Fröhlichkeit, sondern unterhielten sich in jener geheimnisvollen Sprache, die sich uns anderen ebenso verschloss, wie Swahili oder irgendeine andere fremde Sprache dieses Planeten.
Die Gestalt unseres Lehrers hob sich kontrastierend von den beiden gebärdenden Mädchen ab. Insgeheim nannten wir ihn Kingkong, weil er so gross war und breit und aufbrausend und seine Lippen hinter einem üppigen Bart verbarg. Immer wieder blieb er stehen, wischte sich mit einem grossen Tuch über die glitzernde Stirn und blickte sich nach den Nachzüglern um.
Über einen bewaldeten Pfad erreichten wir schliesslich eine Bergwiese, wo wir uns zur Rast niederliessen. Die Rucksäcke flogen auf, hungrig machten wir uns über die Sachen her, die unsere Mütter hergerichtet hatten.
Als wir nach dem Mittagsmahl träge blinzelnd im Gras lagen, ahnten wir noch nichts von jenen Ereignissen, welche diesem Tag eine Intensität verleihen sollten, wie man sie in einem Menschenleben kaum ein zweites Mal verspürt.
Ob Hannas oder Elenas geschärften Sinne die bedrohlichen Schwingungen, die sich über unserer Gemeinschaft zusammen zu brauen begannen, bereits zu diesem Zeitpunkt wahrgenommen hatten, vermag ich nicht zu sagen. Mir war jedoch aufgefallen, wie Hanna ihrer Freundin mit aufgeregten Gesten und dumpfen Lauten etwas mitzuteilen suchte. Genau diese bizarren Laute hatten mich veranlasst, jenen entsetzlichen Ausdruck zu prägen, den meine Mitschüler gierig schluckten und der meine Stellung in der Hierarchie der Klasse für kurze Zeit anhob. Noch heute schiesst mir die Röte ins Gesicht, wenn ich daran zurückdenke:
Die langen Ferien sind vorbei. Wir unterhalten uns lebhaft über die Ferienerlebnisse, schmücken sie wortreich mit Abenteuern und Begebenheiten aus, die wir gern erlebt hätten. Vor dem Klassenzimmer stehen Hanna und Elena. Wie scheues Wild warten sie in der Dämmerung des Korridors auf den Beginn des Unterrichts. Als sie zusammen mit dem Lehrer das Schulzimmer betreten, mustern wir sie neugierig. Hannas Gesicht ist von zwei fahlen Zöpfen eingerahmt, die wie schwere Hanftaue auf ihre schmächtige Brust fallen.
Der Lehrer ermutigt sie, sich der Klasse vorzustellen. Aus Hannas Kehle quälen sich groteske Laute, als sie sagt, dass sie Hanna heisse und gehörlos sei.
Im Raum herrscht für einen Moment Grabesstille. Wir blicken uns unsicher an, jeder darauf lauernd, ob der andere seine Miene verzieht. Die Atmosphäre knistert.
«Taubdumm», murmle ich in die Stille hinein, leise nur, doch alle hören es.
Mit grellen Blitzen entlädt sich die aufgestaute Spannung, der Damm bricht. Gelächter prasselt hohl von den hellgrün gestrichenen Wänden, sammelt sich zu einer boshaften Welle, die über Hanna zusammenschlägt. Sie steht da, mit hängendem Kopf und betrachtet ihre Füsse.
Zwischen Wut und Unvermögen hin und her wogend, versucht uns der Lehrer zum Schweigen zu bringen, inspiriert das vielstimmige Orchester jedoch mit seinen unbeholfenen Gesten – einen Bleistift wie einen Taktstock in der Hand haltend – zu weiteren Crescendi.
Plötzlich wird es still. Alle starren auf Elena, die sich zornig funkelnd vor Hanna gestellt hat und ihren Blick tief in unser Innerstes bohrt.
«Lasst sie in Ruhe», stösst sie hervor. «Lasst sie verdammt nochmal in Ruhe!»
Der Lehrer, jetzt wieder Herr der Lage, gab mir eine Ohrfeige, die mich weniger verletzte, als der Ausdruck in den Gesichtern der beiden Mädchen.
Seit jenem Tag sassen Hanna und Elena in der vordersten Reihe.
Hanna hatte Mühe, dem Unterricht zu folgen, weil sich der Mund des Lehrers hinter dichtem Gestrüpp verbarg. Ohne Elena, die dem Unterricht einigermassen folgen konnte, weil sie nicht gänzlich taub war, hätte Hanna nichts mitbekommen. Elena vermittelte ihrer Freundin den Schulstoff so gut es ging mit Hilfe der Gebärdensprache. Mit der Zeit gewöhnten wir uns an die Mädchen; sie wurden zu Teilen unseres Kosmos wie die Wandtafel oder das Spülbecken hinter der Tür.

«Vorwärts!» riss uns der Lehrer nach der Mittagsrast aus den Gedanken.
Auf felsigem Weg, der sich ängstlich an eine kalte Wand aus Stein schmiegte, zogen wir weiter. Etwa zehn Meter unter uns stoben die Wasser des Wildbachs wie weisse Pferde durch die Schlucht. Der Lehrer ermahnte uns, nicht zu nahe am senkrecht abbrechenden Abhang zu gehen. Schwitzend und sich fortwährend mit dem Tuch über die Stirn tupfend, stapfte er voraus. Hanna und Elena gingen hinterher; wir anderen folgten im Gänseschritt, stumm geworden, denn das ohrenbetäubende Brausen verhinderte jegliches Geplauder.
Und dann geschah es:
Der Lehrer bleibt abrupt stehen, will sich abstützen, findet am glatten Gestein keinen Halt, rutscht ab, Hanna kann ihren Schritt nicht bremsen, läuft auf den Lehrer auf, der dreht sich um, sucht sich an Hanna festzukrallen, taumelt, Hanna gerät ebenfalls ins Schwanken. Für einen Augenblick verharren beide schwerelos in ihrer Lage, scheinen sich den Naturgesetzen zu widersetzen, dann gleiten beide Körper in den Strom der Erdanziehung und werden in die Tiefe gesogen.
Lähmendes Entsetzen.
Wie gebannt starrten wir auf die Unglücksstelle, darauf wartend, dass uns jemand aus dem grässlichen Traum weckte; doch es war kein Traum und da war kein Erwachsener, der uns beistand.
Elena schüttelte die Angst als erste ab. Sie sank auf die Knie, kroch behutsam auf die Absturzstelle zu und versuchte über den Rand in den Abgrund zu spähen. Sie winkte mich ungeduldig zu sich, wohl nicht, weil sie mich für besonders mutig hielt, sondern weil ich am nächsten stand. Ich liess mich auf alle Viere fallen, näherte mich ihr zitternd und versuchte hinunter zu blicken: Ein überhängender Felsbrocken versperrte die Sicht auf den Grund der Schlucht.
«Du musst mich an den Beinen festhalten, damit ich nach unten sehen kann», schrie Elena mir ins Ohr und schickte sich an, weiter über die Kante zu rutschen. Ich umschlang mit beiden Armen ihre warmen Waden und hatte fürchterliche Angst um sie, um mich, um Hanna und um den Lehrer. Dennoch sog ich ihren süsslichen Geruch hungrig auf und hoffte, sie noch lange zu umklammern.
Geschmeidig wie ein Reptil wand sie sich nach vorne, bis ihr Oberkörper wie eine Galionsfigur über dem Abgrund hing. Ihr Haar tropfte wie flüssig gewordenes Kupfer an ihr herab und entblösste das hautfarbene Kästchen, das sie hinter dem Ohr trug. Unwillkürlich kniff ich die Augen zu, als fürchtete ich, dass dieses Kästchen das Bild der zerschmetternden Leiber an meine Sehnerven übermitteln könnte. Als nichts geschah, öffnete ich die Augen wieder und sah, wie Elena Zeichen nach unten machte.
«Hanna lebt!» brüllte ich meinen Mitschülern zu, doch unter dem gewaltigen Tosen konnten sie mich nicht verstehen.
Elena wandt sich vom Abgrund zurück; ich liess ihre Beine los und winkte die anderen Schüler heran.
«Hanna ist verletzt, doch ist sie bei Besinnung», sagte Elena, als sie in der Mitte unserer Gemeinschaft sass, die sie wie ein Gebirge umgab und ihren Worten Schutz gegen das Brausen des Wassers bot.
«Was ist mit dem Lehrer?» fragte jemand.
«Das weiss ich noch nicht, Hanna redet mit ihm.»
«Wir müssen Hilfe holen!»
«Wartet», sagte Elena, «ich werde nochmals hinuntersehen.»
Wir bildeten eine Kette. Elena hing über dem Abgrund, ich hielt sie an den Beinen fest, einer der Mitschüler stützte mich und fand seinerseits Verankerung in den anderen Schülern, die hinter ihm am Boden hockten.
Elena gebärdete eine Weile, dann drehte sie sich zu mir um. «Der Lehrer scheint schwer verletzt zu sein, und er ist krank. Hanna sucht ein Medikament in seinem Rucksack …Insulin. Sie muss es dem Lehrer spritzen!»
Nach einer kleinen Ewigkeit brüllte Elena mir zu: «Sie hat’s gefunden … O Gott nein, die Ampullen sind zerbrochen! Was machen wir jetzt? Der Lehrer stirbt, wenn er seine Spritze nicht bekommt!»
«Frag‘ Hanna, um welches Medikament es sich handelt», hörte ich mich schreien.
Ich erinnere mich heute nicht mehr an den Namen der Arznei, weiss nur, dass Hanna ihn – vermutlich mit Hilfe des Fingeralphabets – an Elena übermittelte, die ihn auf eine leere Biskuitverpackung schrieb, welche sie einem der Jungen gab, die ins Tal eilen und Rettung zu holen versprachen.
Ich hatte soweit Mut gefasst, dass ich mich weiter vorwagte und nun – gehalten von zwei Mitschülern – neben Elena auf dem Bauch lag. Widerstrebend blickte ich in den Abgrund. Hanna sass am abfallenden Ufer des schäumenden Wassers und barg den Kopf des Lehrers auf ihren Oberschenkeln, die durch sein Erbrochenes gelblich-rosa verschmiert waren. Sie riss ein Stück Stoff von ihrer Bluse und wickelte den Fetzen um den matt schimmernden Knochenspeer, der aus dem Unteram des Lehrers ragte.
Wir konnten nichts tun, als zu warten. Die Jungen, die wir losgeschickt hatten, würden etwa eine Dreiviertelstunde brauchen, bis sie das Dorf im Tal erreichten. Im besten Fall benötigten sie die gleiche Zeit, um mit einer Rettungsmannschaft zurückzukehren.
Auch Hanna war verletzt. Auf ihrer Wange klaffte ein fleischiger Riss und ihr Bergschuh stand schiefwinklig ab. Sie blickte zu uns hoch und hob die Arme. Die Sprache ihrer Hände und das Spiel ihrer Miene waren selbst mir verständlich: Der Lehrer hatte das Bewusstsein verloren!
«Sag ihr, dass sie ihn in Seitenlage bringen soll!» schrie ich Elena zu.
Hanna musste einige Male ansetzen, bis sie den massigen Körper auf die Seite gerollt hatte. Sie belastete dabei ihren verletzten Fuss, ihr Gesicht verzog sich schmerzvoll.
«Die Zunge!» schrie ich. »Sie muss ihm die Zunge herausziehen!»
«Die Zunge?» Elena blickte mich verständnislos an.
«Ja, die Zunge, sie könnte ihm die Luftröhre verstopfen!»
Ich hatte weder einen Samariterkurs besucht, noch war mein Vater Arzt. Ich bezog meine Kenntnisse aus dem Doktorbuch meiner Eltern, das ich – wie ich gestehen muss – nicht aus medizinischem Interesse, sondern wegen der Abbildung einer nackten Frau, durchstöbert hatte.
Elena gab meine Botschaft an Hanna weiter, die dem Bewusstlosen den Mund öffnete und ihm die Zunge herausklaubte, als ob sie einem Wels den Angelhaken entfernte.
«Und jetzt muss sie ihm den Kopf zurückbiegen, damit die Atemwege frei bleiben!»
Hanna tat, wie ihr geheissen, nahm den schweren Kopf behutsam in ihre Hände und dehnte ihn in den Nacken.
Mehr konnte sie nicht für ihn tun. Vielleicht hätte sie ihn noch beatmen können, doch würde sie dieses beschwerliche Unterfangen aufgrund ihres entkräfteten Zustandes nicht lange durchhalten. Jetzt, da es nichts mehr für sie zu tun gab, sank sie zu einem knochenlosen Wesen zusammen und begann zu weinen. Elenas Hände redeten zärtlich auf sie ein. Hilflos sah ich zu und versuchte mit aufmunternder Miene Trost zu spenden. Ich war überwältigt, wie die beiden Mädchen es schafften, durch die Magie ihrer Gesten und ihrer Mimik, selbst unter widrigsten Umständen und über grössere Entfernung miteinander in Verbindung zu bleiben. Ich lag da, sah zu und wartete.
Plötzlich fasste mich jemand sanft aber bestimmt an der Schulter und zog mich zurück. Die Rettungsmannschaft war eingetroffen!
Wie ich erst später erfuhr, hatten die Jungen, die wir ins Tal geschickt hatten, die Dorfpolizei alarmiert, welche wiederum die Rettungsflugwacht anforderte. Der Helikopter war an jener Stelle gelandet, an der wir unsere Mittagsrast abgehalten hatten.
«Haben Sie das Medikament dabei?» fragte Elena einen der Männer in orangenfarbenem Overall, auf dessen Ärmel ein rotes Kreuz aufgenäht war.
Der Rettungsarzt nickte flüchtig und brüllte den Helfern zu: «Wir müssen uns abseilen. Schlagt Haken in die Felswand!»
«Das dauert zu lange!» schrie Elena und zupfte den Arzt am Ärmel. «Lassen Sie das Medikament herunter. Meine Freundin wird es dem Lehrer spritzen!»
Der Arzt zögerte. «Deine Freundin weiss nicht, wie sie dem Mann das Medikament verabreichen muss!»
«Ich kann es ihr sagen!»
«Das geht nicht, bei diesem Lärm kann sie dich nicht hören… nun, ich könnte aufschreiben, was sie tun muss.»
«Sie braucht keinen Zettel», kämpfte ich gegen den Lärm an. «Elena kann mit den Händen mit ihr reden!»
«Versuchen wir’s», schrie der Arzt. Er öffnete seinen Tornister, riss eine Packung auf, zog eine Spritze heraus und setzte sie zusammen. Dann entnahm er einer Schachtel eine Ampulle und eine kleine Feile. Er ritzte das Glasröhrchen ein und brach ihm den Hals. Anschliessend zog er die Spritze auf, entlüftete sie und steckte sie zurück in die Verpackung, die er mit Heftpflaster zuklebte und zusammen mit einem Desinfektionsmittel, ein paar Tupfern und einer Verbandsschere in einen Plastikbeutel wickelte. Er band eine Schnur um den Sack und gab ihn Elena. Während einer der Männer Elena einen Klettergurt umlegte und ihn an einem Seil festklinkte, fragte der Arzt: «Wie heisst deine Freundin?»
«Hanna.»
«Hanna muss dem Lehrer die Injektion in den Oberschenkelmuskel geben. Zuvor soll sie ihm die Hosen aufschneiden und eine Stelle auf der Haut desinfizieren. Danach muss sie die Nadel einführen, das Medikament langsam einspritzen und die Nadel wieder herausziehen. Um den Rest kümmere ich mich, sobald ich mich abgeseilt habe. Hast du alles verstanden?»
Elena nickte entschlossen und näherte sich dem Abgrund. Einer der Helfer schlang das Seil um seine Hüfte und rammte die Absätze seiner Bergstiefel haltsuchend in den felsigen Boden.
Das Seil straffte sich, als sich Elena weit über den Abgrund beugte. Fasziniert beobachteten wir wie ihre Hände die Anweisungen des Arztes in die Sprache der Gehörlosen übertrugen. Nachdem sie den Beutel langsam in die Tiefe hinuntergelassen hatte, wurde sie von dem Mann mit dem Seil zurückgezogen.
In fiebriger Eile schlugen die Helfer nun Haken in die Felswand, führten Seile hindurch, die sie mit einem Gerät verbanden, das mich an einen Flaschenzug erinnerte. Der Arzt hängte sich ans Seil und fuhr in die Tiefe, ein anderer folgte ihm. Die übrigen Helfer klappten ein Bergungsgerät auf – ähnlich einem Schlitten – und liessen es hinunter. Nach einer Weile zogen sie den Schlitten hoch auf dem der Lehrer festgeschnallt war. Zwei Helfer lösten die Gurte, hievten den Körper des Lehrers auf eine Bahre und eilten zum Helikopter, der auf der Bergwiese wartete. Dann folgte Hanna. Leblos hing sie in den Gurten, ihr Kopf pendelte willenlos hin und her.
«Hanna!» brüllte ich.
«Hanna kann dich nicht hören», sagte Elena, als sie neben mich trat und Hanna zärtlich eine Strähne aus dem Gesicht strich, die sich aus einem ihrer Zöpfe gelöst hatte. Hanna öffnete kurz die Augen und lächelte.

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