Leuchtfeuer

Jan nahm seine Jacke vom Haken und stapfte die 193 Stufen empor, die zum Laternenraum führten. Oben angelangt, tränkte er eine Lappen mit Alkohol und wischte damit nochmals über die achteckig angeordneten Linsen, obschon er sie gestern bereits poliert hatte.
Er würde seine Laterne vermissen. Wie vielen Menschen hatte sie das Leben gerettet, wie viele Schiffe vor dem Untergang bewahrt? Irgendwie ähnelte sie einem Auge, das wachsam den Blick übers Meer streifen ließ und dabei seine trostreiche Botschaft in die Nacht blinzelte: Dreimal lang, zweimal kurz, dann wieder dreimal lang.
Es war alles so schnell gegangen. Das automatische Leuchtfeuer hatten sie vor einigen Wochen montiert, gleich nachdem das Tiefseekabel verlegt worden war, das die Insel nun mit dem Kontinent verband. Und jetzt übernahm das Seeamt von dort aus die Kontrolle über den Leuchtturm. Jans Dienstzeit war endgültig abgelaufen.
Die stählerne Tür wimmerte in ihren Angeln, als er auf die windige Plattform hinaustrat. Einzelne Sonnenfäden durchbrachen die Wolkendecke und tauchten die Umgebung in silbernes Licht. Tief unter ihm rollte Welle um Welle auf die Insel zu und platzte an der vorgelagerten Klippe zu kleinen Fontänen, die das Licht regenbogenfarben brachen. Einige Möwen umflatterten ihn, bedachten ihn mit kichernden Abschiedsgrüßen.
Bald würde das Versorgungsschiff in die kleine Bucht einlaufen und Jan ein paar Stunden später wie einen Warenballen auf dem Festland ausspucken. Keine Menschenseele wartete auf ihn. Wovon sollte er leben? Vielleicht fand er ja trotz seines Alters in der Konservenfabrik Arbeit. Die Vorstellung, den Tag damit zuzubringen, Fischen den Kopf abzuhacken, ließ ihn schaudern.
Das Sonnenloch schloss sich unvermittelt, und es wurde merklich kühler. Das Geschrei der Möwen steigerte sich zu schrillem Gelächter, bevor es zusammen mit dem Wind erstarb. Nur noch das Rauschen der Brandung war zu hören. Jan atmete tief ein, füllte seine Lungen mit dem Geruch nach Salz und verrottendem Tang. Es lag noch etwas anderes in der Luft, er nahm es mit der Zungenspitze wahr: ein metallener Geschmack nach Elektrizität.
Zögernd setzte eine Brise aus Nordwest ein, strich zuerst nur sanft über seine Wange, verstärkte sich dann allmählich und fuhr zausend durch sein lichter werdendes Haar. Der erste Herbststurm kündigte sich an.
Mit einem Mal wurde es ihm leichter ums Herz. „Das Schiff trifft heute nicht mehr ein“, dachte er. „Vielleicht, wenn ich Glück habe, kann es den Hafen erst in einigen Tagen verlassen.“
Die Vögel gaben sich einen Moment den Böen hin, setzten dann zu kühnen Landemanövern an und drängten sich Schutz suchend an das mit Kot überkrustete Fundament des Turmes.
Wie von Geisterhand flammte die Laterne auf. Ein leichtes Beben breitete sich unter Jans Füßen aus, als sie sich zu drehen begann und ihr Leuchtfeuer über die aufgewühlte See sandte: Dreimal lang, zweimal kurz, dann wieder dreimal lang.
Nun, da es für Jan hier oben nichts mehr zu tun gab, bollerte er die Treppe hinunter und betrat seine ihm so lieb gewordene Behausung. Er drehte den Petroleumofen etwas höher, stemmte eine der Kisten auf, in die er bereits seine Habseligkeiten verpackt hatte und zog eine Flasche Aquavit unter seiner Unterwäsche hervor.
„Prost“, sagte er zum Fenster, das sein Spiegelbild schemenhaft reflektierte. Ein greller Blitz entlud sich in die See. Einundzwanzig … zweiundzwanzig … dreiundzwanzig. Dann krachte es. Dicke Tropfen prasselten fast waagrecht gegen die Scheibe, und der Wind zerrte am Fensterriegel.
Jan hörte eine knarzende Stimme aus dem Funkgerät und meldete sich. Er lauschte ungläubig. Idioten! Es konnte ihnen wohl nicht schnell genug gehen, ihn von der Insel wegzuholen. Erforderte es bereits einiges Geschick, bei ruhiger See in die kleine Bucht einzufahren, so grenzte es bei diesem Sturm an Tollkühnheit.
Er steckte die Schnapsflasche zurück in die Kiste und erklomm noch einmal die 193 Stufen, um nach dem Versorgungsschiff Ausschau zu halten.
Er war es gewohnt, dass der Turm bei starkem Wind leicht schwankte. Trotzdem musste er sich am Geländer der Plattform festhalten, bis er sich an das Schaukeln gewöhnte. Weiß schäumende Wogen stürmten wie Pferdeherden heran, explodierten an den Felsen, so dass ihre Gischt bis zu Jan hoch spitzte. Er hob den Feldstecher an die brennenden Augen und versuchte die Positionslichter des Schiffes auszumachen. Der Wind fuhr in seine Ärmel und blähte die Jacke wie ein Segel auf. Keine Spur von dem Schiff.
Als er die Außentür wieder verriegeln wollte, warf ihn eine starke Böe nach hinten, so dass er mit dem Kopf gegen die Laterne schlug. Regen aus Scherben ergoß sich über ihn. Ohne auf den Schmerz an seinem Hinterkopf zu achten, warf er sich mit aller Kraft gegen die Tür. Zweimal rutschte er ab, bevor es ihm gelang, den Riegel vorzuschieben. Er sank langsam zu Boden und rang leicht benommen nach Atem.
Dann durchfuhr es ihn heiß. Was war mit der Laterne? Gottlob, sie brannte. Nur eine der Linsen war zerbrochen. Er kroch zur Materialkiste und zog einen baumwollenen Lumpen heraus, den er sich wie ein Turban um den blutenden Kopf wickelte.
Als er sich hochrappeln wollte, fuhr ein Blitz unter ohrenbetäubendem Krachen in den Turm. Augenblicklich erlosch die Laterne, schaffte noch eine halbe Umdrehung, bevor sie mit einem Seufzer zum Stillstand kam. Jan erstarrte. Ohne Leuchtfeuer würde das Schiff die Einfahrt in die Bucht nicht finden und unweigerlich auf den Klippen zerschellen. Er tastete sich zum Sicherungskasten, drückte die Schalter. Nichts. Die Stromzufuhr war unterbrochen.
Er entfachte ein Streichholz und sah sich um. Wie konnte er das Schiff vor dem Untergang bewahren? Fieberhaft überlegte er. Als er das Streichholz löschte, bevor die Flamme seinen Daumen erreichte, wußte er mit einem Mal, was er zu tun hatte. „Feuer“, dachte er. „Feuer leuchtet!“
Er tapste das dunkle Treppenhaus hinunter und knipste eine Taschenlampe an. Dann schlug er die Kisten, die seine Habe enthielt mit einer Axt in Stücke. Er musste sich zweimal hoch schleppen, ehe er einen ordentlichen Stoß Brennholz im Lampenraum angesammelt hatte.
Ein letztes Mal ging er nach unten und holte die Aquavit Flasche.
So schnell es ging schichtete er die Kistenbretter über die Lappen aus der Materialkiste und tränkte den Haufen mit dem Schnaps aus der Flasche.
Bläuliche Flämmchen loderten auf, drohten aber wieder zu ersticken. Er beugte sich hinunter und pustete in das sterbende Feuer. Als er schon aufgeben wollte, schossen jäh Flammen empor. Zu spät bemerkte er, wie ein Zipfel seines Turbans Feuer fing. Rasch breitete es sich aus, so dass Jan mit den Lappen und Brettern zu einem einzigen Flammenmeer verschmolz. Bevor er das Bewusstsein verlor, dachte er noch, dass das Leuchtfeuer bestimmt meilenweit zu sehen war. Noch einmal schöpfte er Atem: Dreimal lang, zweimal kurz und dann war nichts mehr.

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