Hedda

Der Mistral frischte auf und trieb silberne Wolkenfetzen in raschem Tempo über den Himmel. Weinstöcke, die ihre Belaubung bereits abgeworfen hatten, standen bis zum Horizont, wie die Linien einer verkrüppelten Armee.
Es hatte die ganze Fahrt über geregnet. Nachdem Albert Hedda am späten Nachmittag abgeholt hatte, waren sie die ganze Nacht durchgefahren. Erst als sie Lyon am frühen Morgen noch vor dem Berufsverkehr passiert hatten, begannen sich die Wolken zu lichten, und vor einer Stunde zeigte sich zum ersten Mal die Sonne.
Albert schaltete herunter, als sie das Dorf erreichten.
Zu dieser Jahreszeit war nicht mehr viel los in Bédoin, und der Wochenmarkt war bereits vorüber. Ein krummer Alter in grüner Arbeitsschürze kehrte Gemüseabfälle und ramponierte Spankistchen zusammen, die kreuz und quer auf dem feuchten Kopfsteinpflaster lagen. Ein abgemagerter Hund stromerte auf der Suche nach Fressbarem herum.
„Schau doch Schatz, l’Escapade“, sagte Albert und blickte zum Beifahrersitz. „Dort, mit der rot-weiß gestreiften Markise. Hier haben wir Pastis getrunken und dem Trubel auf dem Markt zugesehen.“
Er gluckste. „Erinnerst du dich an die beiden krebsroten Holländerinnen, die sich wie Furien um eine überteuerte Tischdecke zankten? Dabei bekommt man denselben Stoff im Supermarkt fast geschenkt.“
„Und hier das Hôtel des Pins!“ rief Albert aufgeregt.
Hedda hatte die kleine Pension in jenem Sommer sogleich ins Herz geschlossen. Sie hatten in dem behaglichen Zimmer im ersten Stock übernachtet, dessen sonnendurchflutete Veranda auf den Dorfplatz hinausging. Von diesem Balkon aus hatten sie den Boulespielern zugesehen, die wortreich und mit feurigen Gesten die Abstände ihrer Kugeln zu der kleineren Kugel, dem Gochon vermaßen. Hinter verschachtelten Dächern aus gebrannten Ziegeln glühte die helle Haube des Mont Ventoux im Schein der untergehenden Sonne. Nachdem es ganz dunkel geworden war, hatten sie sich geliebt, und Hedda hatte ihm später, als sie in seiner Armbeuge lag ins Ohr geflüstert, dass sie noch nie so glücklich gewesen sei.
Jetzt waren die Rattanstühle vor dem Hotel zu kleinen in Plastik verpackten Türmen aufgestapelt und an eine der Platanen angekettet worden. Die Verandatür ihres damaligen Zimmers war hinter einem hellblauen Laden versperrt. Ein Zeitungsblatt wehte über den Platz. Der ausgehungerte Hund, der soeben sein Bein an der Platane hob, erschrak und sprang mit eingezogenem Schwanz auf die Strasse.
Albert wich ihm aus, so dass der Lenker des entgegen kommenden Peugeots hupte und genervt die Hände verwarf.
„Froschfresser!“ dachte Albert, sagte aber nichts, denn er wusste, dass Hedda es nicht ausstehen konnte, wenn er ausfällig wurde. Heimlich zeigte er dem Peugeotfahrer den Mittelfinger.
Hier haben wir das herrlich duftende Brot gekauft, das wir später auf dem Mont Ventoux mit frischem Ziegenkäse verdrückten, dachte Albert, als sie an dem kleinen Schaufenster der Boulangerie vorbeifuhren, das ihnen jetzt blind entgegen starrte.
Wieder mussten sie ausweichen. Diesmal einem sandfarbenen Lieferwagen. Ein kleiner Mann mit kräftigem Bauch belud den Transporter mit welkem Salat und halbreifen Tomaten. Sein France 98 T-Shirt reichte nur bis zum Nabel, die Unterhose dafür einige Zentimeter über den Hosenbund.
Am Ende des Dorfes öffnete sich die Landschaft wieder. Albert fuhr bei nächster Gelegenheit an den Rand, schaltete den Motor aus und kurbelte das Fenster herunter. Der kleine rote Opel wippte jedes Mal leicht, wenn ihn ein Windstoß erfasste.
Albert sog den würzigen Duft nach Pinien ein. Der Geruch war nicht so intensiv, wie in der flirrenden Hitze jenes Sommers. Selbst die Zikaden schnarrten nicht mehr, vermutlich wegen dem Nerv tötenden Wind oder der vorgerückten Jahreszeit.
Die bleiche Kappe des Mont Ventoux war zum Greifen nahe. Hedda hatte sie bei ihrer ersten Reise für Schnee gehalten. Als sie damals zur Passhöhe hochgefahren waren, hatte sich der vermeintliche Schnee als weißer Schotter herausgestellt.
Er schloss das Fenster wieder und startete den Motor.
„Wir sind bald oben Schatz“, sagte er und blickte zärtlich zu Hedda. Er schob die Kassette in das Autoradio und bog in die Strasse ein, die sich in engen Serpentinen den Berg hinauf wand. Pavarotti sang Heddas Lieblingslied, das auch Albert mochte. Er überholte eine Schar grellfarben gekleideter Radfahrer, die sich wegen der Steigung aus ihren Sätteln erhoben hatte.
Hinter einem Traktor, der einen Kreiselmäher zog, musste Albert die Geschwindigkeit drosseln. Langsam krochen sie hinter dem Fuhrwerk her, vorbei an Olivenhainen und Pinienwäldern. Sie kamen kaum voran und würden vermutlich bald von den Radfahrern eingeholt werden. Für das, was er und Hedda vorhatten, wollte er die Passhöhe nicht mit einer aufgekratzten Meute teilen. An einer ziemlich unübersichtlichen Stelle beschleunigte er und ließ den Traktor hinter sich.
Als sie die Passhöhe erreichten, parkierte Albert hinter dem Souvenirladen, der seine Läden verrammelt hatte. Hier oben bot sich dem Mistral keinerlei Hindernis. Der kleine Opel schwang bedrohlich hin und her, und Albert musste sich gegen die Tür stemmen, um sie gegen den Druck des Windes zu öffnen. Die andere Seite des Autos lag im Windschatten, so dass Albert die Beifahrertür mühelos aufbekam. Er löste Heddas Sicherheitsgurt und hob sie vorsichtig heraus. Er ging an dem hässlichen Gebäude der Wetterstation vorbei und trug Hedda den schmalen Fußweg hoch. Immer wieder stemmte er sich mit aller Kraft gegen den Wind, der ihn und Hedda zurückzuwerfen drohte. Als sie endlich ganz oben angelangt waren, bot sich ihnen ein überwältigender Blick über Äcker, Felder und Weinberge, die sich weit unter ihnen wie ein Flickenteppich ausbreiteten und sich irgendwo in der Unendlichkeit verloren. Dazwischen lagen kleine Dörfer, deren mittelalterlichen Ziegeldächer mit dem dunklen grün von Zypressen kontrastierten.
„Wir sind am Ziel, Hedda“, sagte Albert. „Dort wo du hin wolltest.“
Er stellte Heddas Urne auf den Boden und setzte sich zu ihr.
„Weißt du Hedda, ich habe geglaubt, dass du es schaffst. Die ganze Zeit, bis zuletzt, als du es selbst nicht mehr geglaubt hast und mich tröstetest.“ Er nahm die Urne in seinen Schoss.
„Es ist alles so schnell gegangen“, sagte Albert und erinnerte sich an den bestürzten Ausdruck in Heddas Augen, als sie von der Untersuchung kam. Hoffen und Bangen bestimmten sein und Heddas Leben.
„Als du zwischen den Schläuchen all dieser Maschinen lagst, hast du tapfer gelächelt und mich gefragt, ob ich mich noch an das Hotel mit der Veranda erinnerte.“
Er öffnete vorsichtig den Deckel. „Als ob ich das jemals vergessen könnte!“
Tränen brannten in seinen Augen, als er die Urne langsam hob.
„Ich habe gebetet, geflucht, geheult und du hast mich in den Arm genommen und mich wie ein kleines Kind gewiegt.“
Ascheflocken wirbelten auf.
„Leb wohl, Hedda“, sagte Albert und drehte die Urne in den Wind.

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