Erdtrinker

Nachdem sich der kosmische Staub unter der Hitze der Sonne zu einem Klumpen geballt hatte, begann meine Reise. Eine Laune des Schöpfers, eine winzige Unachtsamkeit nur, verlieh mir Gestalt und Geist. In ewig währendem Zyklus falle ich seitdem auf die Erde oder fliesse in sanftem Strom dem Meer entgegen. Orkane peitschen mich über die Ozeane, Fallwinde wehen mich über schroffe Felsen, in Windstille quäle ich mich durch hitzeflirrende Wüsten. Ich verdampfe oder erstarre zu Eis.
Eines Tages – ich hatte eine kleine Unendlichkeit in frostiger Ruhe verharrt – kitzelte mich die Sonne und schmolz mich von den anderen Eiskristallen frei. Die lockende Wärme hob mich in die Höhe, und bald segelte ich als Teil einer stolzen Wolke am Himmel. Über einem grossen Wald platzte die Wolke mit lautem Gedonner. Ich fiel auf würzig duftende Erde. Ein Pflänzchen streckte durstig seine Wurzel nach mir aus und leckte mich auf. Nach seiner Reife gab es mich der Erde zurück. Ich sank in die Tiefe, immer weiter, bis ich leises Rauschen von Wasser vernahm, das irgendwo unter mir durch die Dunkelheit gurgelte. Ich liess mich vom Rauschen leiten, bis ich dem Wasser ganz nahe war. Doch seltsamerweise war es rundum von einer glänzenden Wölbung umschlossen, die es mir verwehrte, mich mit ihm zu vereinen. Ich rann an der kühlen Oberfläche entlang, fand jedoch nirgendwo eine Stelle, die durchlässig gewesen wäre. Erst nachdem ich – nach einer Ewigkeit wie mir schien – das Tageslicht erreicht hatte, ergoss sich das Wasser aus seinem runden Gefängnis in einen Bach. Ich liess mich erschöpft und zugleich erleichtert in die Fluten fallen. Aus dem Bach wurde ein Fluss, aus dem Fluss ein Strom, der mich gemächlich aber unbeirrbar dem Meer entgegentrieb.
Nach einer Weile bemerkte ich, dass da, wo früher üppiger Wald wucherte, sich eine Fläche aus verbrannter Erde ausdehnte, aus der einige schwarze Baumstümpfe ragten. Weiter stromabwärts, an einer seichten Stelle, sah ich ein eigentümliches Wesen, das ein Etwas aus gebrannter Erde in den Fluss tauchte. Die Tiere, denen ich bisher begegnet war, streckten ihre Mäuler ins Wasser, wenn sie Durst hatten. Dieses Wesen stand jedoch aufrecht und war unbehaart. Es hob das Etwas aus Erde an sein Maul und trank daraus. Welch seltsame Kreatur. Ich setzte meine Reise fort und erreichte nach zwei Tagen und einer Nacht – das Meer. Am Ufer wimmelte es von nackten Wesen, die wie Ameisen zwischen steinernen Behausungen herumkrabbelten. Einige der Wesen – ich will sie Erdtrinker nennen – hielten unförmige Lasten auf ihren Köpfen und trugen sie zum Meer. Erst jetzt bemerkte ich das gewaltige Tier, das auf dem Wasser schwamm und auf die Erdtrinker zu warten schien. Es war grösser noch als die Wale, denen ich schon etliche Male beim Spielen zugesehen hatte. Die Erdtrinker näherten sich ihm und liessen ihre Bürden in seinem Maul verschwinden, ohne dass das Tier zugebissen hätte. Plötzlich aber stiess es einen gellenden Schrei aus, und dabei quoll ihm schwarzer Atem aus dem Nasenloch, der fürchterlich stank und sich als dicker Nebel auf die Wasseroberfläche senkte. Nur fort! Ich schwamm so weit es meine Kräfte zuliessen, hielt erst inne, als sich das Grün des Flusses mit dem Blau des Meeres vermischte. Hier breiteten sich wundervolle Kleckse aus, die in den Farben des Regenbogens schillerten. Ich schwamm näher, um mich an dem Farbenspiel zu erfreuen. Widerlicher Gestank liess mich zögern: Das musste der Rotz des schreienden Tiers sein! Ich war zu entkräftet, um weiterzuschwimmen. Eine stetige Strömung trieb mich glücklicherweise weg von den farbigen Klecksen, weg von der Küste, weg von den Erdtrinkern. Die Wärme der Sonne nahm allmählich zu und sog mich auf: Ein neuer Zyklus begann.
Seit dieser Begegnung mit den Erdtrinkern war nichts mehr wie vorher: Wälder verschwanden; an ihrer Stelle begannen sich Grasflächen auszubreiten, auf denen Viehherden weideten. Flüsse, die früher frei durch die Gegend mäanderten, flossen nun in gerade verlaufenden Betten aus Stein. Graue Bänder, auf denen kein Leben wuchs, erstreckten sich bis zum Horizont und verbanden Orte, an denen Erdtrinker in grauen Türmen wohnten, die beinahe in die Wolken ragten. Glänzende Vögel jagten mit lautem Geheul über den Himmel – schneller noch, als jeder Sturm, der mich bisher um die Welt getragen hatte.
Eines Tages regnete ich auf geschundenes Land nieder, auf dem zerfetzte Baumstämme standen und das von sumpfigen Gräben durchzogen war. Ich landete in einer kleinen Kuhle, die ein Fuss in der feuchten Erde hinterlassen hatte. Obwohl sich das Gewitter, das mich hierher gebracht hatte, verzogen hatte, hörte ich Donnergrollen, das von den umgebenden Hügeln zurückgeworfen wurde. Über mir sass ein Erdtrinker und zitterte. Der Ausdruck in seinen Augen weckte in mir ein sonderbares Gefühl, wie ich es zuvor noch nie verspürt hatte. Das Grollen wurde lauter, verwandelte sich in durchdringendes Pfeifen, und jäh wurde die Erde um mich herum in die Luft geschleudert. Das Wasser in der Kuhle schwappte hin und her, leerte indes nicht aus. Als ich wieder zu dem Erdtrinker hinsah, zitterte er nicht mehr: Er lag mit gebrochenen Augen am Boden und ein dünner Faden Blut sickerte aus seinem Mund. Der Ausdruck seiner Augen, der mich so eigenartig berührt hatte, hatte sich in seinem Gesicht festgefroren und würde bis in alle Ewigkeit fortbestehen, zerfiele sein Körper nicht zu Staub. Ein anderer Erdtrinker kroch auf den Toten zu und zerrte ihn auf die Seite. Dann beugte er sich über die Kuhle, senkte seinen Kopf bis auf die Wasseroberfläche und begann gierig zu trinken. Ich fühlte wie mich seine spröde Zunge aufnahm, wie ich in seine Mundhöhle gespült wurde und an einem Backenzahn hängenblieb. Ich kämpfte gegen den Strom aus Wasser und Luft an, der mich mit in die Tiefe zu reissen drohte. Sodann versank alles um mich herum in Dunkelheit. Nach einer Weile rollte mich die Zunge gegen eine schleimige Wand, die – wie ich erfühlen konnte – mit engen Öffnungen übersät war. Ich zwängte mich durch einen der Durchlässe und fand mich in einem Gewirr aus winzigen Röhrchen, das sich in alle Richtungen zu verästeln schien. Obwohl ich im Körper des Erdtrinkers war, hörte ich, wie es draussen abermals zu Grollen anfing. Etwas in mir drängte mich zur Eile. Doch welche Richtung sollte ich einschlagen? Das Bild des zitternden Erdtrinkers stieg in mir hoch, und mit einem Mal wusste ich, dass ich den mir vorbestimmten Weg finden würde. Ich wählte willkürlich eine Richtung aus, verliess mich bei jeder Gabelung auf das drängende Gefühl, das mein Denken mehr und mehr ausfüllte. Das Grollen wurde lauter. Der Weg erweiterte sich und verlief nun in gerader Richtung. Wieder und wieder donnerte es. Endlich sah ich, wie es vor mir hell wurde. Erschöpft kroch ich dem Licht entgegen – langsam aber unaufhaltsam.
Ein nie empfundenes Gefühl von Trauer, Angst und Schmerz durchströmte mich, als ich aus dem Auge des Erdtrinkers quoll, seine Wange hinunterrann und in den Stoppeln an seinem Kinn einen Moment Halt fand.

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